Studentin beim Schreiben

Studieren in Italien

Lehre an der Università Cattolica
Studentin beim Schreiben
Foto: RF._.studio auf pexels.com

Meldung vom: 15. Juli 2021, 12:00 Uhr | Zur Original-Meldung

Aspekt Wie ist es an der Università Cattolica? Meine Meinung und Erfahrungen dazu
Semesterzeiten

Wintersemester: Anfang Oktober - Januar
Sommersemester: Mitte Februar - Mai 

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Anreden und Titel

Dozenten sprechen Studierende so gut wie immer mit Vorname an, siezen sie aber.

Studierende sprechen Dozenten mit "Professor (Name)" an und siezen sie. Die Anrede professore wird in Italien für alle Dozenten verwendet, nicht nur für Lehrstuhlinhaber.

Mit dottore ohne Zusatz ist auch kein Doktortitel gemeint, sondern der Bachelortitel. Der Doktortitel wird mit dottore di ricerca bezeichnet.  

Ich kannte das zwar bereits aus dem englischen Sprachraum, aber hatte es nicht an einer italienischen - und noch dazu katholischen - Universität erwartet. Auch wenn ich es persönlich als angenehmer empfinde, entweder gesiezt und mit Nachname angeredet oder geduzt und mit Vorname angeredet zu werden, habe ich mich daran gewöhnt.

Die Verwendung von professore fand ich etwas verwirrend, weil es mir dadurch schwerer gefallen ist, die Organisationsstruktur an einem Lehrstuhl zu verstehen.

Aufbau von Modulen Lehrveranstaltungen sind fast nur Vorlesungen, die, wie in Deutschland, meist durch eine Powerpointpräsentation und ggf. digitale Ergänzungen wie kleine Umfragen oder Word Clouds unterstützt werden. Vorlesungen können auch regulär länger als 1,5 Stunden dauern und je nach Umfang des Moduls mehrmals pro Woche stattfinden. Das Wort laboratorio in der Beschreibung oder dem Titel heißt "Workshop" oder "Übung" und kann bedeuten, dass man Übungsaufgaben bekommt, die man erledigen und abgeben muss, oder dass es eine ergänzende Übungsveranstaltung gibt.  Ich persönlich bin im Allgemeinen kein großer Fan von Vorlesungen, aber fand die Übungsaufgaben größtenteils sehr interessant bzw. haben sie auch gute Gelegenheiten geschaffen, mit Kommilitonen in Kontakt zu treten. Ein Dozent hat digitale Tools sehr gut in seine Vorlesung eingebaut, wodurch die Veranstaltung viel interaktiver und verständlicher wurde. 
Literatur und Bibliothek In so gut wie jedem Modul, zumindest grundlegenden Modulen, gibt es prüfungsrelevante Leseaufträge (wobei es auch ein wenig vom Prüfer abhängt, ob er tatsächlich Fragen aus der Literatur stellt). Die Bücher muss man in der Regel selbst kaufen und viele Bücher gibt es nur in Papierform.  Ich vertiefe mich sehr gerne in Stoff, weshalb ich die Leseaufträge an sich eigentlich sogar gut fand. Allerdings fand ich es blöd, dass man die Literatur selbst kaufen muss, was ich an der FSU nie musste, da die Thulb immer alle Lehrbücher als kostenlosen eBook-Download da hatte (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an diejenigen, die für die Verfügbarkeit gesorgt haben :) ). 
Prüfungen

Pro Semester gibt es ca. drei Prüfungstermine für jedes Modul, aus denen man frei auswählen kann. Die Anmeldung ist erst in den Wochen vor der Prüfung möglich und die meisten melden sich erst wenige Tage vor der Prüfung an. Prüfungen sind eher mündlich und öffentlich, d.h. es dürfen Kommilitonen dabei sein. Für die Prüfung kommt man zum angegebenen Hörsaal zur Zeit, die vom Prüfer kommuniziert wurde (und die von der offiziellen Zeit abweichen kann!), und wartet dort, bis man aufgerufen wird. Das heißt, man sollte für die Prüfungen mehrere Stunden einplanen. Prüfer können Dozenten, wissenschaftliche Mitarbeiter oder sogar studentische Assistenten sein. Man kann sich entscheiden, ob man eine Note annimmt oder die Prüfung freiwillig wiederholt (soweit ich weiß, ohne Begrenzung). 

Ich fand die Flexibilität bei der Auswahl des Prüfungstermin richtig toll und würde mir wünschen, dass auch an der FSU jeder Professor die freie Wahl lassen würde, ob man die Prüfung zum 1. oder 2. Termin schreibt (wie das bereits Professor Trimpop, Professor Noack und Professor Kessler aus der Psychologie in Jena tun). Mit dem Prüfungsformat hatte ich persönlich kein Problem bzw. hatte ich sogar das Gefühl, dass eine tiefe Beschäftigung mit den Lehrinhalten mehr mit guten Noten belohnt wird (wobei man dabei selbst die Initiative ergreifen und diese tiefe Beschäftigung von sich aus in die Antworten einarbeiten muss). Ich sehe allerdings auch die organisatorischen Schwierigkeiten, die damit einhergehen, mündliche Prüfungen mit teilweise mehr als 100 Kursteilnehmern durchführen zu müssen, und halte die Beurteilungen bei mündlichen Prüfungen für deutlich subjektiver als bei schriftlichen Multiple Choice-Prüfungen. 
Noten

Die universitären Noten reichen bis 30, wobei eine 18 die Mindestnote zum Bestehen darstellt. Die Noten haben ihren Ursprung darin, dass im italienischen Schulsystem Noten bis 10 verwendet werden und früher an Universitäten immer drei Prüfer anwesend waren, deren Einzelbeurteilungen aufsummiert wurden. Noten unter 25 gelten als eher schlechte Noten, Noten über 25 als gute Noten. 

Es gibt allerdings auch Module die nur mit bestanden/nicht bestanden beurteilt werden. 

Ich habe zu den Noten selbst keine Meinung.

Ich würde allerdings empfehlen, dass man, wenn man italienische Module belegen möchte, aber noch nicht so gut Italienisch kann und deshalb Angst vor dem Durchfallen oder schlechten Noten hat, vor allem Module belegt, die nur mit bestanden/nicht bestanden bewertet werden. 

Lehrsprache

Aktuell (2021) sind die meisten Psychologievorlesungen auf Italienisch, allerdings gibt es auch einen englischsprachigen Bachelorstudiengang, der im WS 2020/21 angelaufen ist. 

Ich hätte mich schon gefreut, wenn es in der Psychologie ein größeres Angebot auf Englisch gegeben hätte. Es hat allerdings auch auf Italienisch gut geklappt (und sogar besser, als ich ursprünglich gedacht hatte). Auf der anderen Seite bietet auch die FSU in der Psychologie relativ wenige Veranstaltungen auf Englisch an. 
Lehrangebot

Die Psychologische Fakultät der Università Cattolica ist stärker geisteswissenschaftlich und psychodynamisch orientiert als das Psychologische Institut der FSU. Viele grundlegende Module enthalten auch psychodynamische Theorien der entsprechenden Bereiche, wobei Sigmund Freud und die Psychoanalyse eher als einer von vielen Autoren bzw. eine von mehreren psychodynamischen Ansätzen behandelt wird, statt so stark in den Vordergrund gestellt zu werden, wie das in Deutschland der Fall ist, wenn es mal um Psychodynamik geht. Allerdings gibt es auch Anwendungsmodule, in denen Psychodynamik überhaupt keine Rolle spielt.

Die Università Cattolica bietet neben den "normalen" akademischen Modulen (academic curriculum) außerdem auch Module speziell für internationale Studierende an (international curriculum), die ausschließlich auf Englisch sind, und in denen es mehr um die italienische Kultur geht, wie z.B. einen Kochkurs oder die Bedeutung der Modeindustrie für Mailand. Zudem kann man einen Italienischkurs belegen, der allerdings zusätzlich Geld kostet.

Die Università Cattolica erlaubt internationalen Studierenden außerdem, Module aus allen Fachrichtungen zu belegen. 

Es war auf jeden Fall interessant, noch einmal eine andere Perspektive auf Psychologie einnehmen zu können und auch andere psychodynamische Theorien außer die von Sigmund Freud kennenzulernen. Dennoch bin ich durch meine Studiererfahrung an der FSU geprägt und hätte mir an der Università Cattolica manchmal mehr expliziten Vergleich mit empirischer Forschung gewünscht.

Ich habe keine Kurse aus dem international curriculum belegt, weil ich vor allem Kontakt zu Italienern aufbauen wollte und deshalb die Zeit lieber in italienische Veranstaltungen investiert habe. Den Italienischkurs habe ich auch nicht besucht, weil er mir mit 400€ zu teuer war und ich zu Beginn des Auslandssemesters noch darüber nachgedacht hatte, den Online-Italienischkurs von der FSU weiterzuführen. 

Online-Lehre

In diesem Semester wurden alle Lehrveranstaltungen online oder hybrid durchgeführt und alle Lehrveranstaltungen wurden auf Video aufgezeichnet.

Die Videoaufzeichnung war sehr hilfreich, gerade, um mit der Sprache besser zurechtzukommen, da man sich die Aufzeichnung mehrmals anhören kann, wenn man etwas nicht gleich verstanden hat.

 

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