Nach dem ersten Mordopfer des NSU benannter Platz in Jena-Winzerla.

Kein Schlussstrich!

Jena und der NSU-Komplex. Das Programm für Jena
Nach dem ersten Mordopfer des NSU benannter Platz in Jena-Winzerla.
Foto: Stephan Laudien (Universität Jena)

Meldung vom: 02. Juni 2021, 14:00 Uhr | Verfasser/in: Kristian Philler | Zur Original-Meldung

Zehn Jahre nach dem öffentlichen Bekanntwerden des sogenannten »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) sind viele Fragen offen, viele Wunden ohne Aussicht auf Heilung. Die Haupttäterinnen und -täter kamen aus Jena. Es ist an der Zeit, die stadtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem rechten Terror, mit Rassismus, mit Diskriminierung und mit der Bedrohung Andersdenkender zu intensivieren. Es ist an der Zeit, die Opfer und Betroffenen sichtbarer werden zu lassen. Es ist an der Zeit, sie in ihrem Kampf gegen die Ursachen von Ausgrenzung, Hass und Gewalt an der Seite von diversen Bürgerinitiativen zu würdigen und zu stärken.


Auf Initiative von JenaKultur, der Stadt Jena, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem Institut für Zivilgesellschaft und Demokratie werden in mehreren Etappen die historischen Wurzeln aufgearbeitet, Fragen gestellt, Perspektiven eröffnet.

Neben dem Engagement und der Beteiligung am bundesweiten Kernprogramm veranstaltet die Stadt Jena Ausstellungen, Site-Specific-Arbeiten, Podien, Diskussionen, Workshops, Lesungen, Vorträge und vieles mehr.

Gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Aktivistinnen und Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Künstlerinnen und Künstlern wird damit ein Programm präsentiert, welches sich in unterschiedlichen Kontexten dem Unfassbaren nähert und einen Austausch von Sichtweisen ermöglichen soll.

Zentrale Erkenntnisse aus über 30 Veranstaltungen werden in einen kommunalen Handlungsplan der Stadtverwaltung für Vielfalt und gegen Rassismus einfließen.

Am Mittwoch wurde das Programm unter Beteiligung vieler Initiatorinnen und Initiatoren sowie Akteurinnen und Akteuren präsentiert. Die komplette Übersicht aller Punkte entsteht sukzessive auf der Projektseite. Hier wird auch eine Aufzeichnung der Pressekonferenz eingefügt. www.kein-schlussstrich-jena.de

Ausgewählte Veranstaltungen

  • Donnerstag, 17. Juni, 18 Uhr, Theaterhaus Jena
    Verleihung des JMR-Lenz-Preises für Dramatik der Stadt Jena an Antje Schupp
    Laudator: Cem Özdemir mit Grußwort von OB Dr. Thomas Nitzsche

  • Samstag, 16. Juli bis Sonntag, 8. August, Kunstsammlung Jena
    Offener Prozess
    Ausstellung, Kuratorisches Konzept: Ayse Güleç und Fritz Laszlo Weber

  • Mittwoch, 25. August bis Samstag, 11. September, Nietzsche Gedächtnishalle | Altes Funkhaus Weimar, Humboldtstraße 36, 99425 Weimar
    »438 Tage NSU-Prozess — eine theatrale Spurensuche«
    Ein dokumentarisch-performatives Reenactment von Nuran David Çalış & Tunçay Kulaoğlu 
  • Mittwoch, 29.9, Buchenwald/ Jerusalem/ Berlin/ Jena
    GLEISSENDES LICHT – ein musikalisches Ritual des Erinnerns von Marc Sinan
    Ein Konzert im Rahmen der ACHAVA Festspiele Thüringen und des Themenjahres »Neun Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen«
    Besetzung: Gedenkstätte Buchenwald: Knabenchor der Jenaer Philharmonie, Staatskapelle Weimar / Jerusalem: Hadar Dimand/ Berlin: Michael Wendeberg / Jena: Jenaer Philharmonie, Jenaer Madrigalkreis und Solist:innen 
  • Donnerstag, 30. September, Volksbad Jena
    Die folgende Geschichte
    Zur Kultur, Funktion und Dialektik des Erinnerns. Vier Impulse und ein Gespräch
    Gäste: Prof. Dr. Aleida Assmann, Prof. Dr. Volkhard Knigge, Prof. Dr. Andreas Beelmann und Doğan Akhanlı, Moderation: Jonas Zipf 
  • Ab Samstag, 2. Oktober, 14 Uhr, Treffpunkt: Johannisstraße 14, Holzskulptur 
    Angstzonen und Schutzräume. Rechte Gewalt, antirassistisches Engagement und die Jenaer Stadtgesellschaft um 1990
    Stadtrundgang zur Geschichte von Rassismus und rechter Gewalt, von migrantischen Lebenswelten und zivilgesellschaftlichem Engagement
    Veranstalter: ThürAZ, BMBF- Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation“ und Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der FSU Jena 
  • Sonntag, 3. Oktober, 11 Uhr
    Eine künstlerische Intervention im öffentlichen Raum
    zu deutschen Kontinuitäten, Leerstellen in der Aufarbeitung der 1990er Jahre und davor 
  • Sonntag, 3. Oktober, Rathausdiele, 15-18 Uhr
    Weimar, Bonn, Berlin: Gedenkkultur im Wandel der Zeit
    Vortrag und Symposium mit Prof. Dr. Michael Dreyer, Decolonize Jena, Ayşe Gülec, Prof. Dr. Verena Krieger, Prof. Dr. Volkhard Knigge 
  • Mittwoch, 6. Oktober, Ernst-Abbe-Hochschule Jena, 14 Uhr
    Rassistische Verhältnisse. Kritik an der Rolle der Sozialen Arbeit im NSU-Komplex
    Podiumsdiskussion u.a. mit Christina Büttner, Konrad Erben, Prof. Dr. Heike Radvan, Moderation: Prof. Dr. Anna Kasten und Prof. Dr. Sören Kliem 
  • Samstag, 9. Oktober, 15-16.30 Uhr
    »Rechte Gewalt in Jena? Gibt’s doch nicht mehr!«
    Rassistische Übergriffe in Stadt und Umland heute. Aufgaben für Politik und Soziale Arbeit.
    Veranstalter: Fanprojekt Jena e.V. und Straßensozialarbeit Mitte
  • Freitag, 8. Oktober, 19 Uhr
    »Zeig mir den Ort meiner Erinnerung(en)«
    1990 Jena Winzerla – rechte (Jugend-)Gruppen sozialisieren sich
    1990 Jena Paradies – (Post-)Migrantinnen und (Post-)Migranten solidarisieren sich
    Veranstalter: Decolonize Jena 
  • Freitag, 15. Oktober (15-18 Uhr) und Samstag, 16. Oktober (10-14 Uhr), HUGO Winzerla
    Verwaltung als Spiegel einer diversen Gesellschaft?
    Nicht öffentliches Moderationsverfahren zur Erarbeitung der Selbstverpflichtung und des Handlungsplanes der Jenaer Stadtverwaltung für Diversität, Leitung: Büro des Oberbürgermeisters
  • Sonntag, 17. Oktober, Volksbad, 20 Uhr
    Sebastian Krumbiegel: »Courage zeigen – Eine musikalische Lesung«
    Veranstalter: JenaKultur
  • Mittwoch, 20. Oktober, Rathausdiele, 19 Uhr
    2x3: Sie kamen von hier!
    Podium#1: Die Stadt und der NSU: Dr. Albrecht Schröter und Dr. Thomas Nitzsche im Gespräch mit Christhart Läpple
    Podium#2: (Über) drei Jahrzehnte antifaschistisches, antirassistisches Engagement: Rea Mauersberger, Dr. Gisela Horn und Michael Ebenau im Gespräch mit Dr. Matthias Quent
  • ab Donnerstag, 21. Oktober
    (Un)Sichtbare Spuren (Premiere)
    Audiovisueller Walk im Stadtraum – Teil 1 der Umsetzung der mit dem JMR-Lenz-Preis der Stadt Jena ausgezeichneten Konzeption »Die mutige Mehrheit«
    Konzeption + Text + Umsetzung: Antje Schupp, Veranstalter: Theaterhaus Jena
  • Sonntag, 24. Oktober, Rathausdiele Jena, 11 Uhr
    »Rassismus.Macht.Vergessen«
    Panel zur Vorstellung des Buchprojekts von und mit Dr. Onur Nobrega, Rebekka Blum und Maria Apostolou, Moderation: Jonas Zipf, Dr. Matthias Quent
  • Dienstag, 2. November, Rosensäle, Fürstengraben 27, Jena (13-18 Uhr)
    Anfänge verhindern, Abkehr ermöglichen! Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Ansätze der Radikalisierungsprävention und De-Radikalisierung
    Vortragsveranstaltung mit Projektpräsentationen 
    Mit Prof. Dr. Andreas Beelmann, Prof. Dr. Andreas Zick, Dr. Lena Frischlich, Prof. Dr. Michael May, Dr. Britta Schellenberg
    Veranstalter: Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex), Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Dienstag, 9. November, ab 17 Uhr, an über 40 Orten in Jena 
    Epilog: Klang der Stolpersteine
    Dezentrales Klang-Denkmal an Stolpersteinen und anderen Orten, die etwas mit den Verbrechen der Nazi-Diktatur zu tun haben. Dort wird das Lied »Dos Kelbl« erklingen.
    Initiiert von Klaus Wegener, G.G. Paulus, Till Noack

Impulse der Initiatorinnen und Initiatoren

Dr. Thomas Nitzsche, Oberbürgermeister der Stadt Jena Inhalt einblenden

Die Taten von jungen Menschen aus unserer Mitte und gesellschaftliches Versagen haben vielfaches Leid verursacht. Mit der intensiven Auseinandersetzung werden wir uns der Verantwortung gegenüber den Opfern des Terrors stellen. Ein langwieriger, schmerzhafter und notwendiger Prozess, bei dem kein Schlussstrich gezogen wird.

Jonas Zipf, Werkleiter JenaKultur Inhalt einblenden

Als Kulturakteure entspricht es unserer Überzeugung, dass es nur auf einer breiten Basis, auf dem Weg der Inklusion verschiedener Blickwinkel, gelingen kann, einen aktiven Umgang mit Rassismus und Rechtsextremismus zu erreichen. Neben einer starken Zivilgesellschaft sind es auch und gerade die diskursiven Mittel von Kunst und Kultur, die die Chance bieten, einen neuen und offenen Dialog zu öffnen.

Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena Inhalt einblenden

Die Verteidigung der offenen Gesellschaft ist ein maßgeblicher Bestandteil einer wissenschaftlichen Kultur im 21. Jahrhundert. Die aufgeklärte Wissenschaft bildet die Antithese zu Nationalismus, Menschenfeindlichkeit, Gewalt und Rassismus. Forschung, Lehre und Studium brauchen Vielfalt, Toleranz und gegenseitige Neugier.

Dr. Axel Salheiser, Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Inhalt einblenden

Die völkische und rassistische Ideologie, die die NSU-Täterinnen und -Tätern und ihr Unterstützerumfeld antrieb, grassiert bis heute. Hass, Hetze und Bedrohungen haben zugenommen, Betroffene werden immer noch unzureichend geschützt – im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum NSU-Komplex werfen wir einen vergleichenden Blick auf diese internationale Entwicklung.

Dr. Gösta Gantner, Projektleiter des Jenaer Programms Inhalt einblenden

Auch wenn wir uns im Herbst auf die 1990er Jahre konzentrieren, um die Wurzeln des NSU-Komplexes in Jena deutlicher zutage treten zu lassen, ist damit keine rückwärtsgewandte Veranstaltungsreihe verbunden. Eine Abspaltung des Vergangenen funktioniert nicht, weil es nur vermeintlich vergangen ist. Nicht nur die Wunden sind noch lange nicht verheilt, auch die Problemlagen längst nicht vom Tisch. Die Losung »Kein Schlussstrich!« unterstreicht das Ansinnen, diese Aufarbeitung immer auch als kritische Bestandsaufnahme unserer eigenen Gegenwart zu begreifen.

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