Eine Bibel in Griechisch aus dem Besitz Pflugs vor dem Bildnis Martin Luthers.

Naumburgs letzter Bischof lebt digital wieder auf

Freischaltung der Projekthomepage „Julius Pflug“ im Reformationsportal Mitteldeutschland
Eine Bibel in Griechisch aus dem Besitz Pflugs vor dem Bildnis Martin Luthers.
Foto: Axel Burchardt
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Meldung vom: 15. Juli 2020, 08:07 Uhr | Verfasser/in: Axel Burchardt | Zur Original-Meldung

Der letzte Bischof von Naumburg Julius Pflug (1499-1564). Bildnisepitaph des Julius von Pflug. Abbildung: Vereinigte Domstifter

Das Reformationsjubiläum ist längst Vergangenheit. Doch das im Rahmen der Reformationsdekade entwickelte Reformationsportal Mitteldeutschland wächst weiter, da „die Erforschung der Reformation stets auf neue Themen und Fragestellungen stößt“, sagt der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Christopher Spehr von der Universität Jena. Neuestes Projekt im Reformationsportal sind die Überlie­ferungen des Merseburger Domherrn, Zeitzer Propsts und Bischofs von Naumburg Julius Pflug (1499-1564). In Kooperation mit den Vereinigten Domstiftern zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz wird in den nächsten Jahren dieses Projekt ausge­baut. Die Projekthomepage zu Pflug ist heute (15.07.) an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) freigeschaltet worden.

Katholischer Vordenker der Ökumene

Als Ratgeber und Diplomat am Dresdner Hof, als von Kaiser Karl V. und der päpstlichen Kurie für die Verhandlung mit der evangelischen Seite bestimmter Kirchenmann war Pflug an den entscheidenden Entwicklungen seiner Zeit maßgeblich beteiligt. Durch sein ganz Europa über­spannendes Beziehungsnetz stand er im Austausch mit den wichtigsten Persön­lich­kei­ten seiner Epoche, u. a. mit Philipp Melanchthon. Aufgrund seines vermittelnden und stets am Gedanken der christlichen Einheit orientierten Wirkens kann Pflug als einer der früh­neuzeitlichen Vordenker der Ökumene gelten.

Julius Pflug bestieg 1547 den Naumburger Bischofsstuhl, nachdem der lutherische Bischof Nikolaus von Amsdorf vertrieben worden war. Pflug gehörte jener Gelehrtengenera­tion an, die in den Strudel des Reformationszeitalters gerissen wurde. Wie Melanchthon, der sich im Unterschied zu Pflug den Lehren Martin Luthers anschloss und später dessen Erbe antrat, spielte auch Pflug als Vertreter der katholischen Seite ab Ende der 1530er Jahre zu­nehmend eine führende Rolle. So war es Pflug, der als Reformtheologe Ende der vierziger Jahre maß­geb­lich für das Zustandekommen des Interims verantwortlich zeich­nete. Doch blieb ihm der Lohn für sein Streben versagt, das auf einen Ausgleich zwi­schen den Konfessionen abzielte. Wie sein Gegenüber Melanchthon scheiterte er an den unüberbrückbaren politischen und kirchenpolitischen Differenzen seiner Zeit und starb als letzter Naumburger Bischof 1564 in Zeitz.

Julius Pflugs Vermächtnis

Das bleibende und bis heute als Teil der Stiftsbibliothek in Zeitz bewahrte Vermächtnis von Julius Pflug ist seine einzigartige Bibliothek. Sie gehört europaweit zu den wenigen, nahezu vollständig erhaltenen Privatbibliotheken des Reformationszeitalters. In der Bibliothek domi­nieren die zeitnahen Ausgaben, die Pflug im Verlauf seines Lebens sukzessive erwarb bzw. als Geschenk erhielt. Dazu gehören u. a. eine der größten zeitgenössisch zusammenge­tra­genen Sammlungen an Drucken der Werke Martin Luthers sowie Werke der herausragenden Theologen dieser Zeit.

Die gewaltige, ursprünglich rund 1.000 Bände bzw. fast 2.000 Drucke umfassende Bücher­sammlung ist das Ergebnis gezielter Sammeltätigkeit, die sich über nahezu fünf Jahrzehnte erstreckte. Die Bibliothek, von der sich bis heute knapp 900 Bände mit circa 1.700 Drucken in Zeitz erhalten haben, ist eine für die Zeit hochmoderne, alle Wissensbereiche abdeckende Sammlung. Ihr Profil widerspiegelt auf nahezu einzigartige Art und Weise die über den mit­teldeutschen Raum an epochalen Umbrüchen, Verwerfungen und Kontroversen reiche politi­sche und kirchenpolitische Entwicklung in den beiden ersten Dritteln des 16. Jahrhunderts. Durch das neue Projekt wird diese Bibliothek in Jena digital zugänglich gemacht. Dass dies im „lutherischen“ Reformationsportal geschieht, ist doch ungewöhnlich, da Pflug ein „Altgläubiger“ ist. „Pflug ist kein Reformator im üblichen Sinne“, sagt dazu Kirchenhistoriker Spehr. Aber der Katholik Pflug „hat sich intensiv mit dem Protestantismus auseinander­ge­setzt“. Und diese Perspektive erweitere den Blick auf die Reformation und sei so natürlich auch für das Portal geeignet, das bei der Vernetzung von verwandten Themen eine immer größere Rolle spiele.

Das Reformationsportal Mitteldeutschland

Im Reformationsportal Mitteldeutschland, das dank zahlreicher Förderer zustande kam, wer­den Dokumente zum Reformationsgesche­hen in der Mitte Deutschlands zusammengefasst und für einen großen Nutzerkreis, der vom Schüler bis zum Wissenschaftler reicht, präsen­tiert. Die inhaltliche Koordi­nierung des Reformationsportals liegt bei den Professoren Chris­topher Spehr und Joachim Bauer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die technische Betreuung des Portals liegt in der ThULB.

Mittlerweile sind im Reformationsportal neben dem „Digitalen Archiv der Reformation“ die Neuedition des „Unterrichts der Visitatoren 1528“, die aufgearbeiteten Schriften und Drucke von Georg Rörer, einem der engsten Mitarbeiter Martin Luthers, die Flugschriftensammlung der Wartburg, aber auch der „Gründungsbestand“ der ThULB, die „Bibliotheca Electoralis“, di­gital bereitgestellt, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Aufnahme weiterer Projekte ist ge­plant: An der Anhaltischen Landesbücherei Dessau wird zur­zeit an der Digitalisierung der 437 Bände mit 1.710 gedruckten Titeln und 237 Handschriften der Bibliothek Herzog Georgs III. von Anhalt gearbeitet. Nach der Fertigstellung der wissenschaftlichen Bearbeitung werden auch sie über das Reformationsportal Mitteldeutschland erreichbar sein. Die Reformation und ihre Erforschung sowie ihr mitteldeutsches Portal haben eine vielversprechende Zukunft vor sich.

Ein Beitrag zu diesem Event findet sich u. a. bei JenaTV.

Kontakt:

Christopher Spehr, Univ.-Prof. Dr.
Professor für Kirchengeschichte
Prof. Dr. Christopher Spehr
Telefon
+49 3641 9-42730
Fax
+49 3641 9-42732
Sprechzeiten:
nach Vereinbarung per E-Mail
Raum 205
Fürstengraben 6
07743 Jena
Joachim Bauer, apl. Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-401908
Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek
Bibliotheksplatz 2
07743 Jena
Michael Lörzer
Telefon
+49 3641 9-404020
Fax
+49 3641 9-40022
Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Raum 2.13
Bibliotheksplatz 2
07743 Jena
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