Das Tagebuch von Eva Schiffmann.

Facetten jüdischen Lebens in Thüringen

Die Universität Jena beteiligt sich am Themenjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“
Das Tagebuch von Eva Schiffmann.
Foto: Alexander Krünes/Stadtarchiv Gotha
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Meldung vom: 13. Juli 2020, 16:36 Uhr | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Endlich komme ich dazu in mein liebes Tagebuch zu schreiben.“ Mit diesem Satz begann die 13-jährige Eva Schiffmann ihr Tagebuch, das sie von 1925 bis 1930 führte. In ihm hielt sie auf 91 Seiten Begebenheiten des Alltags in ihrer Heimatstadt Gotha fest, aber auch ihre Ansichten zum neuen Frauenbild oder ihrem jüdischen Glauben. Außerdem schrieb sie über zahlreiche Bücher, Filme und Theatervorstellungen. Eva Schiff­mann ist für heutige Leserinnen und Leser auch eine Chronistin der Kulturgeschichte der Weimarer Republik.

In vielen Einträgen wird deutlich, dass die Weimarer Republik jungen, jüdischen Frauen wie Eva neue Möglichkeiten bot, eigene Lebenspläne zu entwickeln und umzusetzen. Neben neuen Freiheiten brachte das für Eva Schiffmann einen „Zwang zur Entscheidung“ mit sich: Als Mitglied des zionistisch-sozialistischen Jungjüdischen Wanderbundes war sie aufgefordert, eine landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren und im Anschluss als Pionierin nach Palästina auszuwandern, was ihrem Wunsch entgegenstand, das Abitur abzulegen und ein Studium zu beginnen.

Tagebuch als spannende Quelle für den Unterricht

Das Tagebuch ist eine spannende Quelle, die wir für den Unterricht nutzen wollen“, sagt Prof. Dr. Anke John von der Universität Jena. Die Geschichtsdidaktikerin bereitet eine wis­senschaftliche Edition des Tagebuchs vor. Zudem solle das Tagebuch nicht nur Schüle­rinnen und Schülern zugänglich gemacht werden, sondern auch der interessierten Öffent­lichkeit. Spannend sei das Tagebuch, weil die Geschichte der Weimarer Republik nicht nur von ihrem Ende her erzählt werden darf. Außerdem soll die deutsch-jüdische Geschichte über den Holocaust hinaus in den Blick genommen werden, wodurch der Verlust an Menschlichkeit, Zivilisiertheit und Kultur erst begreifbar wird.

Themenjahr 2021 „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“

Im Rahmen des Themenjahres 2021 „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ wird ein digitales Bildungsportal in Zusammenarbeit mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) und Dr. Zivit Abramson, der Tochter der Tagebuchschreiberin, entstehen, um dieses einzigartige Zeugnis jüdischer Geschichte einer breiten Öffent­lich­keit zugänglich und für den Schulunterricht nutzbar zu machen.

Die didaktische Erschließung des Tagebuchs der Eva Schiffmann ist eines der Projekte, die im Themenjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ an der Friedrich-Schiller-Universität stattfinden. Neben Forschungsprojekten initiiert die Universität Ta­gungen, Fortbildungen und Veranstaltungen für die breite Öffentlichkeit. Die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek wird in der Sonderausstellung „Tora, Talmud, Tefillot“ ihre Schätze jüdischen Schrifttums präsentieren.

Das jüdische Leben in Thüringen hat eine lange und wechselvolle Geschichte und eine le­bendige und bunte Gegenwart. Das sollen die Aktionen zeigen, die der Freistaat im Rah­men des bundesweiten Themenjahres „2021: Jüdisches Leben in Deutschland“ plant. Ziel der bundesweiten Initiative ist es, sowohl die Spuren aus der Vergangenheit als auch die Vielfalt jüdischen Lebens heute öffentlich sichtbar zu machen und damit ein Zeichen zu setzen gegen wieder erstarkenden Rassismus und Antisemitismus.

Digitale Bühne für das Themenjahr

Die digitale Bühne für die Projekte des Themenjahres und darüber hinaus für Veran­stal­tun­gen und Aktivitäten innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinde bietet das Portal „Menora“. Die Staatskanzlei finanziert das interaktive Portal mit 150.000 Euro, aufgebaut wird es von der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Kooperation mit dem För­derverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen. Projektleiter Dr. Andreas Christoph sagt, das Portal werde die Vielfalt und den Reichtum jüdischen Lebens im Freistaat auf­zeigen. „Es wird über historische Zeugnisse ebenso informieren wie über aktuelle Ereig­nisse.“ „Menora“ funktioniert als Veranstaltungskalender, als Topologie jüdischer Orte in Thüringen und als digitale Ausstellungsplattform in einem. Dank modernster Technik werden Gebäude digital auferstehen und virtuell begehbar sein. Zu den ambitionierten Projekten gehört eine Virtual-Reality-Rekonstruktion der Großen Synagoge Erfurt, die unter Leitung der Geschichtsmuseen der Stadt Erfurt entstehen wird. Das markante Gebäude war in der Reichspogromnacht 1938 zerstört und später abgerissen worden.

Wir kooperieren mit zahlreichen Vereinen und Verbänden im Freistaat, um möglichst um­fassend die Facetten jüdischen Lebens zu sammeln und zu dokumentieren“, sagt Andreas Christoph. Auch über das Projekt „Tora ist Leben“, in dessen Rahmen eine neue, von Hand geschriebene Tora-Rolle entstehen wird, informiert das Portal. Außerdem nimmt es Bio­gram­me von Jüdinnen und Juden auf, die in Thüringen gewirkt haben. Herausragendes Beispiel ist der Rechtsgelehrte Eduard Rosenthal (1853-1926), der u. a. die Thüringer Ver­fassung von 1921 entworfen hat. Das Kunstprojekt „Erkundungsbohrungen“ von Horst Hoheisel und Andreas Knitz auf den Spuren von Eduard Rosenthal würdigt den einstigen Rektor der Jenaer Universität auf spezielle Weise und reiht sich in das Veranstaltungspro­gramm des Themenjahres ein.

Ein weiterer Baustein ist der gemeinsame Studientag der Evangelisch-Theologischen Fa­kultät der Universität Jena mit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Er­furt am 13. Januar 2021. Der Studientag steht unter dem Motto „Christen – Juden – Ge­sellschaft. Perspektiven für Gegenwart und Zukunft“. Zum Abschluss gibt es eine Po­di­umsdiskussion unter dem Titel: „Jüdisches Leben in Deutschland: Angestrebte, erreichte oder verlorene ‚Normalität‘?“

Das Themenjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ wird von zahlreichen Akteuren getragen. Darunter sind die Thüringer Staatskanzlei, die Jüdische Landesgemeinde Thüringen, die Evangelische Kirche Mitteldeutschland und das Bistum Erfurt, Bildungseinrichtungen, Museen, Theater, Stadt- und Landesarchive, Privatinitiativen sowie Vereine wie etwa der Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen. Mit Blick auf den jüdischen Kalender beginnt das Themenjahr am 1. Oktober 2020 und endet am 30. September 2021.

Kontakt:

Anke John, Univ.-Prof. Dr.
Telefon
+49 3641 9-44438
Fax
+49 3641 9-44402
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