Das im Mai 2019 enthüllte Mahnmal zum "Entjudungsinstitut".

„Wir sind in die Irre gegangen...“

Kirchenhistoriker bringen Buch über das Eisenacher „Entjudungsinstitut“ heraus
Das im Mai 2019 enthüllte Mahnmal zum "Entjudungsinstitut".
Foto: Sascha Willms/Stiftung Lutherhaus Eisenach

Meldung vom: | Verfasser/in: Stephan Laudien | Zur Original-Meldung

Wenige Monate vor dem deutschen Angriff auf Polen, im Mai 1939, starteten elf evangelische Landeskirchen in Deutschland den Versuch, alles Jüdische aus Kirche und Christentum zu beseitigen. In der Bibel, im Gesangbuch oder in den Kirchengebäuden sollten jüdische Redewendungen, Namen oder Bilder getilgt und so die jüdischen Wurzeln des christ­lichen Glaubens zerstört werden. In Eisenach wurde zu diesem Zweck das „Institut zur Erfor­schung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ ge­gründet, kurz „Entjudungsinstitut“ genannt.

Dessen unrühmliche Geschichte ist eng mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena verbunden, denn einige der führenden Köpfe des Instituts waren Theologie-Professoren aus Jena. „Einer der Hauptakteure und der erste Wissenschaftliche Leiter war Walter Grundmann, der in Jena Neues Testament und Völkische Theologie lehrte“, sagt Prof. Dr. Christopher Spehr von der Universität Jena. Der Kirchenhistoriker forscht über die Geschichte des Instituts. Nun hat Spehr gemeinsam mit seinem Fachkollegen Prof. Dr. Harry Oelke von der Ludwig-Maxi­mili­ans-Universität München das Buch „Das Eisenacher 'Entjudungsinstitut'. Kirche und Antise­mitismus in der NS-Zeit“ herausgegeben. Das Buch ist in der Reihe „Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte“ im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erschienen.

Karriere im neuen System weitgehend nahtlos fortgeführt

Die Geschichte des „Entjudungsinstituts“ blieb lange Zeit im Dunkeln, konstatiert Christopher Spehr. Einer der Gründe war vermutlich, dass führende Protagonisten ihre Karriere innerhalb der Evangelischen Kirche fast nahtlos fortsetzten. Walter Grundmann etwa wurde 1954 Rek­tor des Eisenacher Katechetenseminars und engagierte sich in der Ausbildung von Studieren­den der Kirchenmusikschule Eisenach. Der Professor für Systematische Theologie, Heinz-Erich Eisenhuth, wurde 1952 Superintendent im Kirchenkreis Eisenach und Herbert von Hint­zenstern leitete von 1968 das Lutherhaus in Eisenach. Hintzenstern war zudem von 1956 bis 1981 Chefredakteur der Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“. 1945 waren die NS-belasteten Professoren aus dem Staatsdienst entlassen und ihres Amtes enthoben worden.  „Von Schuld­bewusstsein konnte bei ihnen allerdings keine Rede sein“, ergänzt Harry Oelke. Viel­mehr hätten die Akteure auch nach dem Zweiten Weltkrieg behauptet, die Bemühungen der „Deutschen Christen“ und des Instituts zielten darauf, die Kirche im Nationalsozialismus zu erhalten, den Glauben zu bewahren. Kurz nach dem Krieg seien sogar Stimmen laut gewor­den, das Eisenacher Institut in ein theologisches Forschungsinstitut mit ökumenischen Perspektiven umzuwandeln.

Blick auf die Auswirkungen des Instituts in Ost- und Westdeutschland

Das neue Buch über das „Entjudungsinstitut“ versammelt die Beiträge einer wissenschaft­lichen Tagung, bei der 2019 Expertinnen und Experten aus Kirchengeschichte, Religions- und Kulturwissenschaft sowie Jüdische Studien in Eisenach ihre Forschungsergebnisse vortru­gen. Die Aufsätze weiten den Blick auf das Institut in mehrfacher Hinsicht. So gibt es u. a. einen Exkurs über den Antisemitismus im 19. Jahrhundert, einen Aufsatz zur Ideologie der Deutschen Christen und eine Untersuchung zum Verhältnis von Christentum und Judentum in DDR und BRD. Eine neue und spannende Facette fügt Prof. Dr. Christian Wiese an. Der Frankfurter Professor für jüdische Religionsphilosophie hat untersucht, welche kritischen und teils dialogischen Reaktionen es von jüdischer Seite auf die theologisch-völkische Religi­ons­wissenschaft des Eisenacher „Entjudungsinstituts“ gegeben hat.

Christopher Spehr von der Universität Jena ordnet die Tagung ein in umfangreiche Bemü­hun­gen in jüngerer Zeit, die Geschichte des Instituts und der Deutschen Christen aufzuklären und sich so der eigenen Verantwortung zu stellen. In Eisenach wurde im Lutherhaus 2019 eine Son­derausstellung zum „Entjudungsinstitut“ eröffnet, die noch bis 2022 zu sehen sein wird. Unweit des einstigen Institutsgebäudes wurde zudem im Mai 2019 ein Mahnmal enthüllt. Es trägt den Satz aus dem Darmstädter Wort von 1947: „Wir sind in die Irre gegangen...“

Information

Bibliographische Angaben:
Christopher Spehr, Harry Oelke (Hg.): „Das Eisenacher 'Entjudungsinstitut'. Kirche und Anti­semitismus in der NS-Zeit“, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, 395 Seiten, 39 Euro, ISBN: 978-3-525-55797-6

Kontakt:

Christopher Spehr, Univ.-Prof. Dr.
Professor für Kirchengeschichte
Lehrstuhl Kirchengeschichte
Raum 205
Fürstengraben 6
07743 Jena
Sprechzeiten:
Do., 14.00-15.00 Uhr

In der vorlesungsfreien Zeit nach telefonischer Vereinbarung