London, Großbritannien

Stud. theol. Gordon Sethge über sein Gemeindepraktikum an der Christuskirche, Knightsbridge London West 

Mind the Gap please! Wer in London unterwegs ist, wir dieser Aufforderung unausweichlich begegnen: Im Straßenverkehr, in Geschäften, Museen und öffentlichen Gebäuden und besonders bei Fahrten im Underground. "Mind the Gap !" fordert dazu auf, Zwischenräume oder Lücken zu beachten und sie dann bewusst zu überwinden. Dieser Aufforderung kann man sich auch durchaus in einem Praktikum innerhalb des Theologiestudiums stellen: Zwischenräume überwinden und die eigene Kirche in einem ganz anderen Land kennenlernen. Zwar ist dies nur im Rahmen des Spezialpraktikums möglich, dennoch eine lohnende Chance.

Weltweit gibt es zahlreiche deutsche evangelische Gemeinden und Gemeinschaften, die man über die Internetseite der EKD ausfindig machen kann.

Im ganzen United Kingdom gibt es sieben Auslandspfarrstellen, zwei davon in London.

Bereits im 17. Jahrhundert existierte hier eine deutsche Gemeinde hanseatischer Kaufleute. Seit 1683 war es der deutschen Gemeinde gestattet ihre Gottesdienste der Queen´s Chapel in St. James´s Palace, dem Ort, in dem auch die Proklamation der englischen Monarchen stattfindet. 1904 finanzierte dann die Bankiersfamilie Schröder den Bau einer eigenen Kirche im schönen Stadtteil Knightsbridge in der Nähe des Hyde Parks. Die Nachfahren der Familie Schröder sind auch heute noch als Trustees mit der Christuskirche verbunden.
Zum Pfarramtsbereich London West gehören neben der Gemeinde Christuskirche noch die Gemeinden in Petersham, Farnborough, Reading und Oxford.

Gemeindeleben und Pfarramt gestalten sich im Ausland, und speziell dazu noch in einer Metropole wie London, teilweise recht unterschiedlich im Vergleich zu dem Gemeindeleben unserer deutschen Gemeinden. Die Gemeinde kommt nicht nur aus dem näheren Umfeld, sondern versammelt sich aus dem Großraum London, mit Entfernungen von bis zu 40 Kilometern. Wer am Sonntagmorgen im Gottesdienst sitzt, hat also meist schon eine beachtliche Zeit im Auto oder Bus und U-Bahn zugebracht. Anders als in Deutschland gibt es in Großbritannien auch keine Kirchensteuer, die Gemeinde muss sich, einschließlich das Pfarrgehalt, selbst finanzieren. Die Gemeinde ist daher stärker als in Deutschland auf Spenden und Gemeindebeiträge angewiesen. Gleichzeitig identifizieren sich dadurch die Gemeindeglieder aber auch mehr mit "ihrer" lokalen Kirche. Diese Strukturen prägen natürlich auch die Aufgaben des Pfarrers.
Die Gottesdienste werden in deutscher Sprache abgehalten und auch die Kommunikation innerhalb der Gemeinde findet überwiegend auf Deutsch statt. Dennoch sind einigermaßen gute Sprachkenntnisse unerlässlich um sich in einer ausländischen Großstadt zurecht zu finden.

Die Arbeit als deutscher Auslandspfarrer in London ist unwahrscheinlich vielseitig. Neben dem normalen Gemeindeleben ist ein großes Aufgabenfeld auch die Ökumene. Die Gemeinde unterhält gute Beziehungen zu der anglikanischen Kirche. Zu zahlreichen Anlässen lädt man sich gegenseitig ein oder plant sie zusammen. So zum Beispiel der Lent curse, in dem gemeinsam bei einer Tasse Tee theologische Themen besprochen werden. Ein Höhepunk meines Praktikums war für mich ein Evensong in Westminster Abbey, der am Todestag Dietrich Bonhoeffers vom Deutschen Chor London mitgestaltet wurde.
Darüber hinaus gibt es aber auch Gelegenheiten um deutsche Katholiken oder evangelische Gemeinden aus Schweden, den Niederlanden oder Frankreich kennenzulernen - um nur eine Auswahl zu nennen.

Es ist ratsam frühzeitig mit der jeweiligen Auslandsgemeinde Kontakt aufzunehmen um einen günstigen Zeitpunkt für das Praktikum zu finden und möglichst viele Facetten des Pfarrdienstes und des Gemeindelebens wahrzunehmen. In die Zeit meines Praktikumsaufenthaltes fielen so unter anderem die Osterfeiertage, die die Chance ermöglichten, an vielen unterschiedlichen Gottesdiensten teilzunehmen und besondere Traditionen der Londoner Gemeinde mitzuerleben.
Zwei Wochen später tagte dann in London die Synode der deutschsprachigen Auslandsgemeinden Großbritanniens in London, zu deren Auftakt der deutsche Botschafter zu einen Empfang in die deutsche Botschaftsresidenz geladen hatte. Bei einer Tagung des Lutheran Councils versammelten sich lutherische Pfarrer aus der ganzen Welt in London. Außerdem hatte ich die Möglichkeit an der Konfirmandenfreizeit teilzunehmen und mich mit 28 Konfis in Lambourne End aus luftiger Höhe abzuseilen und am Lagerfeuer einräuchern zu lassen.
Neben der Konfirmandenarbeit werden von der deutschen Gemeinde auch Vorschulangebote in der deutschen Schule London angeboten, so konnte ich mich also auch gleich noch im Umgang mit Vorschulkindern üben.

Das Leben in einer Großstadt ist allerdings nicht gerade günstig und London zählt zu den teuersten Städten der Welt. Für ein 15qm großes Zimmer in einer WG bezahlt man zwischen 400,00 und 600,00 Pfund, umgerechnet also ca. 580,00€ aufwärts. Ich hatte das große Glück zu einem günstigeren Mietpreis bei einem Gemeindeglied unterzukommen, aber auch dafür sollte man rechtzeitig Kontakt mit der Gemeinde aufnehmen.
Da Leben und Vorankommen in London ohne öffentlichen Nahverkehr undenkbar wäre, ist es ratsam sich eine Oystercard oder eine Travelcard zuzulegen. Die Londoner nutzen in der Regel die Oystercard. Mit ihr kann man alle Busse, U-Bahnen und Overground-Bahnen nutzen ohne immer jeweils ein Einzelticket zu lösen. Ist das Guthaben verbraucht, kann man die Oystercard an jeder U-Bahn Station wieder mit einem beliebigen Geldbetrag aufladen. Allerdings sollte in London immer ein paar Minuten mehr einplanen als Google Maps sagt. Die Straßen sind immer voll, eine Tube bleibt hin und wieder in einem Tunnel liegen und selbst Busfahrern kann es passieren, dass sie sich verfahren.

London bietet ein beinah endlos wirkendes Angebot an Kultur. Beeindruckende Gebäude, Museen, Theater, Kunstausstellungen, Märkte, Pubs und Vergnügungsmeilen und überall in der Stadt große und kleine Parks und Grünanlagen. In allen staatlichen Museen wie dem British Museum, der National Gallery oder dem Victoria and Albert Museum ist der Eintritt übrigens frei. Man kann einen Eindruck vom geschäftigen Treiben des Finanzzentrums in der City bekommen, wo man ohne Anzug und Krawatte beinah schon auffällt, über die Einkaufstempel in der Oxfordstreet, bis hin zu einem beinah schon dörflich beschaulichen Leben in Stadtteilen wie Richmond oder Barnes.
Und auch wenn es nicht das Gemeindepraktikum wird, ein Besuch in London lohnt immer!