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Jerusalem, Israel

Stud. theol. Saskia Lieske über ihr Studienjahr in Jerusalem

Über Jerusalem sagt man, dass sie eine Stadt sei, mit der man nicht zurande käme. Ich habe den Versuch dennoch gewagt und am Theologischen Studienjahr Jerusalem teilgenommen. Mich reizte die Vorstellung, Theologie in Israel zu studieren und das, was man vormittags in den Vorlesungen besprechen würde, nachmittags selbst zu erkunden. Es entsprach auch meinem exegetischen Schwerpunkt, den ich bis dahin im Studium hatte. Neben vielen anderen Beweggründen war wohl auch der entscheidend, dass das Studienjahr ökumenisch ist. Ich wollte unbedingt Katholiken und die katholische Lehre kennenlernen. Gerade die Begegnung mit dem Katholizismus hat mich dann auch nachhaltig geprägt. Ökumene stellt sich mir als Herausforderung entgegen, insbesondere auch, weil ich in meine evangelischen Positionen kritisch überprüfen muss. Das war und ist eine gewinnbringende Aufgabe.

Bedenken wegen der Sicherheit hatte ich nicht, als ich mich entschied, mich für das Studienjahr zu bewerben. Auch während des Studienjahres habe ich mich nicht unsicher gefühlt, auch wenn der Nahostkonflikt ein durchaus präsentes Thema ist.
Um am Studienjahr teilzunehmen, musste ich ein zweistufiges Bewerbungsverfahren durchlaufen. Zunächst werden die Unterlagen von der Studienleitung in Jerusalem gesichtet und vorsortiert. Besteht man diese erste Runde, folgt die Einladung zu einem Auswahlgespräch in Bonn. Dort gilt es, sein Wissen in den Fachrichtungen Altes und Neues Testament, Ostkirchenkunde, Ökumene, Judaistik, Islamkunde und Zeitgeschichte zu zeigen. Das bedeutet natürlich einen hohen Lernaufwand, der sich aber in jedem Fall lohnt. Man nimmt unheimlich viel aus diesem Gespräch mit. Der größte Lohn ist bei erfolgreicher Teilnahme der Aufenthalt in Jerusalem, der durch ein Vollstipendium vom DAAD finanziert wird.

Acht Monate lang habe ich von August 2011 bis April 2012 auf dem Gelände der Dormitio Abtei gelebt und studiert - direkt im Schatten der Jerusalemer Altstadtmauer, auf dem christlichen Zion und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grab von König David. Das Theologische Studienjahr ist in jeder Hinsicht ein Intensivprogramm. Die Woche ist voll von Veranstaltungen, die fast ausschließlich auf Deutsch gehalten werden. Vorlesungen und Seminare finden immer blockweise statt und die Dozenten wohnen für diese Zeit im Haus, so dass die Beschäftigung mit dem Thema oftmals am Mittagstisch oder am Abend auf der Dachterrasse mit Blick zum Ölberg fortgesetzt wird. Da es in Jerusalem und Israel insbesondere für Theologen viel zu sehen gibt, sind Tagesexkursionen ein fester Bestandteil der Wochen. Oftmals werden Ausgrabungsstätten besucht, aber auch politische Exkursionen und thematische Stadtführungen stehen auf dem Programm. Exkursionstage sind oft sehr anstrengend, weil man meistens zu für Studenten untypischen Zeiten aufstehen muss und die Tage oft recht lang sind. Aber Dank der Exkursionen haben wir fast das ganze Land gesehen. Dabei sind mir vor allem die Fahrten nach Galiläa in Erinnerung geblieben. Galiläa ist ein wunderschöner Flecken Erde, den wir bei zwei mehrtägigen Exkursionen erkundet haben - einmal haben wir uns das Galiläa aus Jesu Zeiten erschlossen, das andere Mal wandelten wir auf den Spuren der Kreuzfahrer.

Acht Monate in Israel zu studieren, führt dazu, dass ich viele Höhepunkte habe. Ein ganz besonderer ist wohl die Wüstenexkursion, die am Beginn des Studienjahrs auf dem Programm steht. Mein Studienjahr ist in den Sinai gefahren, wo wir dann zehn Tage lang wanderten. Mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben. Wenn es die sicherheitspolitische Lage nicht zulässt, findet die Exkursion in Jordanien statt, was auch seine landschaftlichen Reize hat.

Ich möchte diese Zeit in Israel auf keinen Fall missen. Sie war sehr intensiv, sowohl was den fachlichen Umfang angeht als auch auf einer persönlichen Ebene. Denn es ist eine Herausforderung, mit ungefähr 20 Kommilitonen, die aus unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen acht Monate lang in einem Haus zu studieren und zu leben. Aber ich habe in dieser Zeit unheimlich viel gelernt - vor allem über vielfältigen Formen, den Glauben zu leben. In Israel zu leben hat für mich auch bedeutet, Widersprüche auszuhalten. Denn von diesen ist das Land voll, nur dass diese Widersprüche oftmals Wahrheiten sind, die nebeneinander stehen und aus der jeweiligen Perspektive oftmals nachvollziehbar sind.

Ich könnte noch viel von meiner Zeit in Jerusalem und Israel berichten. Aber zusammenfassend möchte ich Psalm 122,3 abwandeln und sagen: Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen und studieren soll.
Für Fragen, Eindrücke und weitere Berichte lohnt sich ein Blick auf die Homepage des Studienjahres: http://www.studienjahr.de/ Dort findet ihr auch alle Hinweise zur Bewerbung.