Konfessionslosigkeit heute. 21. - 23.02.2013

 

Wissenschaftliche Zielsetzung der Tagung

Das Ziel der internationalen und interdisziplinären Tagung besteht darin, die systematisch-theologischen, praktisch-theologischen und religionssoziologischen Perspektiven hinsichtlich des Phänomens der Konfessionslosigkeit zusammenzuführen und dadurch die Suche nach angemessenen theologischen Verstehenskategorien für dieses komplexe Phänomen zu befördern.

Die Tagung dient den Antragstellern zugleich als Vorbereitung eines größeren, interdisziplinär und international angelegten Forschungsprojektes, von dem eine weitere Profilierung und Internationalisierung der Forschung an der Theologischen Fakultät Jena zu erwarten ist.

Konfessionslosigkeit bezeichnet das Phänomen, dass Menschen keiner religiösen oder konfessionellen Gemeinschaft angehören. In besonders starkem Maße findet es sich in Ostdeutschland, aber auch in bestimmten anderen Regionen Europas. Wissenschaftlich interessant und herausfordernd ist es, dass Konfessionslosigkeit vielfach keine dezidiert, eindeutig und konsequent ablehnende Haltung zur Religion bedeutet, wie sie mit den Begriffen Atheismus oder Areligiosität bezeichnet werden könnte. Stattdessen ist Folgendes zu beobachten: Religion im Sinne einer definierten traditionellen Konfessionszugehörigkeit wird vielfach nicht mehr als ernstzunehmende Alternative wahrgenommen, und doch integrieren Menschen einzelne religiöse Vorstellungen (wie Unsterblichkeit der Seele) oder Praktiken (Gebetsanrufe) in ihr Leben. So machen neuere religionssoziologische Untersuchungen im Osten Deutschlands auf ein doppeltes, in sich paradoxes Phänomen aufmerksam: Einerseits eine durch den DDR-Weltanschauungsstaat 'forcierte Säkularität', die zu einem weitgehenden Verlust der Bindekraft der Kirchen geführt hat; andererseits findet sich gerade in der jüngsten Generation eine als 'agnostische Spiritualität' bezeichnete Haltung und Form moderner Religiosität. (Wohlrab-Sahr u.a. 2009, vgl. dies. 2002) Jugendsoziologische wie auch religionspädagogische Jugendstudien im Osten wie auch im Westen Deutschlands bestätigen den kirchlichen Traditionsabbruch unter Jugendlichen, sie weisen aber zugleich religiöse, mitunter christlich geprägte Glaubenseinstellungen und -praxen nach, die unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit von Jugendlichen geteilt werden (Hanisch/Pollack 1997, Shell Jugendstudie 2000, Ziebertz u.a. 2003, Wermke 2006, Domsgen 2010). Ob es auch genderspezifische Zugänge zur Religion gibt, ist noch eine offene Forschungsfrage.

Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen der Konfessionslosigkeit im Osten und im Westen Deutschlands bzw. Europas. Während die in der ehemaligen DDR vorfindliche Konfessionslosigkeit als eine spezifische Nachwirkung staatsideologisch oktroyierter Kirchenfeindlichkeit, die sich in den verschiedenen ehemals sozialistischen Ländern unterschiedlich stark auswirkte, zu begründen ist, ist die Konfessionslosigkeit im Westen Deutschlands ähnlich wie in den Niederlanden als Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Liberalisierung westeuropäischer Länder seit den 1960er Jahren zu verstehen, so dass infolgedessen von 'zwei unterschiedlichen religiösen Kulturen in Deutschland' gesprochen werden kann. (Müller/Pickel/Pollack)

Bei der Frage nach dem Medium der 'Kommunikation des Religiösen' kommt der populären Kultur offenbar eine zentrale Bedeutung zu. Die kulturhermeneutisch orientierte Praktische Theologie stellt in diesem Zusammenhang fest, dass in Kinofilmen, Romanen oder Musik auf Religion, insb. auf jüdisch-christliche Symbolwelten in impliziter wie expliziter Weise deutlich häufiger Bezug genommen wird als noch vor 20 Jahren (Gutmann 1998, Herrmann 2001, Kirsner/Wermke 2005, Wermke 2006), während die Kirchenaustrittszahlen weiterhin steigen (IV. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 2006).

Auch vor dem Hintergrund dieser Differenzen wird deutlich, dass die religiösen Gegenwartslagen noch nicht hinreichend beschrieben werden können durch die Feststellung von formaler Konfessionslosigkeit, durch Begriffe wie 'vagabundierende Religiosität' (Nipperdey 1990) oder mit Ausweichbegriffen wie postsäkular. Religionssoziologische Forschung besagt, dass die Haltung der Gesellschaft/der Individuen zu Religion als Ambivalenz und in ihren Ambivalenzen fassbar ist (in historischer Perspektive: Gabriel/Gärtner/Pollack 2012).

Theologie arbeitet bisher mit klaren Kriterien, aufgrund derer eine Einstellung, eine Person oder ein Phänomen als religiös oder nicht religiös, und somit als eindeutig bestimmt werden kann, so sehr auch innerhalb des religiösen Bereiches komplexe Brechungen gedacht werden (z.B. simul iustus et peccator, anonymes Christentum). Bezüglich solcher Kriterien für Religion existieren höchst unterschiedliche Vorschläge; sie reichen von Praxisvollzügen (Weihnachtsgottesdienstbesuch vgl. Morgenroth 2002) bis hin zu existentiellen Einstellungen (Sinnsuche: Gräb 1998). Das vielschichtige Feld der Konfessionslosigkeit, wie es die Religionssoziologie untersucht, lässt sich nicht (mehr) im Dual von Religion/Nicht-Religion bzw. religiös/areligiös beschreiben und bewerten, sondern bedarf eines Dritten. Dieses Dritte würde ein Zwischenfeld bezeichnen, welches vermittels seiner und in seinen Ambivalenzen zu erfassen ist. Dafür existieren begriffliche Vorschläge, wie zum Beispiel "religioid" (Simmel 1995) oder "religionsaffin" (Osthövener 2009), die jedoch in den Fachdiskursen bisher kaum eine Rolle spielen. Solche Vorschläge zu einer nicht-dualen Religionshermeneutik sollen auf ihre Leistungsfähigkeit zur Phänomen-Erfassung erprobt und zur Anregung für die Entfaltung komplexer Konzepte nutzbar gemacht werden.

Die wissenschaftliche Bedeutung liegt in der Entwicklung/Zurückgewinnung einer theologischen Sprachfähigkeit, die innerhalb der verschiedenen theologischen Disziplinen wie auch für kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit das neuartige Phänomen ambivalenter Religiosität kommunizierbar macht. Gelingen kann das nur in interdisziplinärer Perspektivenvielfalt. Vorgesehen sind drei Perspektiven: religionssoziologische, systematisch-theologische und praktisch-theologische Zugänge. Diese sollen einander durchdringen und sich gegenseitig präzisieren, sodass die Tagung in ihrem Aufbau als Wechselspiel der Perspektiven konzipiert ist.

Da Konfessionslosigkeit inzwischen zu einem zentralen Forschungsthema geworden ist, steht zu erwarten, dass die neuen konzeptionellen Überlegungen der Tagung international breit und durchaus kontrovers rezipiert werden und in den verschiedenen Fachdisziplinen die Forschung international befördern. Englischsprachige Beiträge in dem geplanten Dokumentationsband sind vorgesehen.

Die Tagung wird in Kooperation mit dem Zentrum für religionspädagogische Bildungsforschung, Jena und mit dem Zentrum Laboratorium Aufklärung, Jena durchgeführt. Sie nimmt thematisch Bezug auf die Vorlesungsreihe von Charles Taylor (Schiller-Professor 2012) 'Aufklärung und Säkularisierung' am Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung.

Der internationale Charakter der Veranstaltung ist zum einen durch das Thema gegeben, insofern die komplexe religiöse Situation großen Einfluss auf die internationale und nationale Politik, auf die Rechtsprechung (Beschneidungsverbot) und auf den gesellschaftlichen Frieden zwischen den einzelnen europäischen Regionen hat. Das spiegelt sich in der Auswahl der Referierenden. Von den 15 Vortragenden kommen 6 aus dem europäischen Ausland (Niederlande, Norwegen, Österreich, Slowakei, Schweiz). Der Anteil der Wissenschaftlerinnen ist für die Theologie überproportional hoch, indem 5 der 15 Vortragenden weiblich sind. Nachwuchs-wissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus Jena und Erfurt sind bei der Konzeption und bei der Durchführung der Tagung intensiv eingebunden.